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SPD Höringen.

Helmut Schmidt ist tot :

Allgemein

 Von , Frankfurter Rundschau, 10.11.2015

 

Er galt als Macher und Krisenmanager und war bis zu seinem Tod einer der populärsten Politiker in Deutschland. Nun ist der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt mit 96 Jahren in Hamburg gestorben.

Helmut Schmidt hat so lange gelebt, dass seine Zeit als Bundeskanzler längst vergessen ist. Vor mehr als 30 Jahren hat Helmut Kohl ihn durch ein konstruktives Misstrauensvotum abgelöst. Doch auch eine Generation später ist der 96-jährige im Bewusstsein der Zeitgenossen so präsent wie kaum ein aktiver Politiker. Die Welt, wie Helmut Schmidt sie sah, mochten die Deutschen sich immer wieder gern erklären lassen. In Büchern, Zeitungsartikeln, Fernsehinterviews. Dabei hatte er selbst sich Zeit seines politischen Lebens als Mann der Tat gesehen und in Szene gesetzt.

Es begann 1962. Der hoffnungsvolle Bundestagsabgeordnete war dem Ruf des Hamburger Bürgermeisters Paul Nevermann gefolgt und in den Senat der Freien und Hansestadt eingetreten. In der Nacht des 16. Februar schlug seine Stunde. Eine Jahrhundertflut suchte die deutsche Nordseeküste heim. Innensenator Helmut Schmidt fragte nicht nach Kompetenzen. Er tat, was er für nötig hielt. Als die zivile Rettungsorganisationen nicht reichten, alarmierte er die Bundeswehr. Die Kontakte hatte er als Verteidigungspolitiker in Bonn geknüpft. Auch das war nicht genug? Ein Glück, dass er Kumpels bei der Nato in Brüssel hatte. „Ich habe das Grundgesetz nicht angeguckt in jenen Tagen“, wird er später sagen.

Noch im Herbst desselben Jahres spielte Schmidt eine wichtige Nebenrolle, als andere Politiker es mit Recht und Gesetz nicht so genau nahmen. Sein Freund Conrad Ahlers legte ihm einen Artikel über Mängel bei der Bundeswehr vor: „Bedingt abwehrbereit“. Der Journalist wollte wissen, ob er Landesverrat beging mit den Interna, die er aus Truppe und Nato berichtete. Nein, meinte Schmidt. So nahm die „Spiegel-Affäre“ ihren Lauf. Am Ende musste Verteidigungsminister Franz Josef Strauß zurücktreten, weil er das Parlament belogen hatte. Keine zehn Jahre später sollte Schmidt an seiner Stelle sitzen – in der Regierung Willy Brandts, des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers der Bonner Republik.

So bedächtig der Pensionär seinen Landsleuten die Welt erklärte, so wenig war Geduld die Stärke des handelnden Politikers. Die Heimatbühne wurde dem „Helden von Hamburg“ schnell wieder zu klein. 1965 ließ Schmidt sich für den Bundestag aufstellen. Zwei Jahre stand er an der Spitze der SPD-Fraktion. Gemeinsam mit dem CDU-Politiker Rainer Barzel steuerte Schmidt die Geschicke der Großen Koalition. Bis 1969.

Wäre es nach ihm gegangen und Herbert Wehner, seinem legendär knorrigen Nachfolger in diesem Amt - das Bündnis mit dem früheren Nationalsozialisten Kurt-Georg Kiesinger als Kanzler hätte fortgesetzt werden können. Aber hinter ihrem Rücken hatte der sonst als Zauderer geltende Willy Brandt gemeinsam mit FDP-Chef Walter Scheel entschlossen Fakten geschaffen.

Auf das Verteidigungsministerium war Schmidt vorbereitet wie kein zweiter. Er strukturierte die Spitze des Hauses um, gründete die Bundeswehruniversitäten und verkürzte die Dauer des Wehrdienstes um drei auf 15 Monate. Keine schlechte Bilanz für kaum drei Jahre. Denn schon 1972 übernahm er das „Superministerium“ für Wirtschaft und Finanzen. Dann machte Willy Brandt die vorgezogene Bundestagswahl zum Plebiszit über seine Ostpolitik.  Doch trotz des bis heute besten Ergebnisses in der Geschichte der SPD verfiel seine Macht Zug um Zug. Die „Troika“, wie das Führungstrio genannt wurde, zog immer seltener gemeinsam in dieselbe Richtung. Nachdem sein Referent Günther Guillaume als Agent der DDR enttarnt worden war, gab Brandt entnervt auf. Der Weg war frei.

Am 16. Mai 1974 wurde Helmut Schmidt als fünfter Kanzler der Bundesrepublik Deutschland vereidigt. Ein Bündel von Herausforderungen wartete auf den sturmfluterprobten „Macher“ (im Gegensatz zum „Grübler“ Willy Brandt). Die Konjunktur lahmte. Die internationale Erdölkrise belastete sie zusätzlich. Nichts, was den früheren „Superminister“ für Wirtschaft und Finanzenhätte hätte schrecken können. Im konservativen französischen Staatspräsidenten Valery Giscard d'Estaing fand er einen kongenialen Partner (wie später Kohl im Sozialisten Francois Mitterrand). Die beiden initiierten ein europäisches Währungssystem – die erste Vorform des Euro. 1975 begann das Duo mit den „Weltwirtschaftsgipfeln“ - bis heute Institution.

"Konzertierte Aktion"

Innenpolitisch regierte er im Sinn dessen, was sein Lehrer und Vorgänger als Minister Karl Schiller entwickelt hatte: Der „konzertierten Aktion“. Er versicherte sich der Rückendeckung von Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften – Männer seiner Generation an der Spitze, auf deren Wort er sich verlassen konnte. Das war Schmidts Welt. Erhard Eppler dagegen, der als erster führendender Sozialdemokrat die Bedeutung der Ökologie erahnt hatte, war für ihn nur „ein Studienrat, der seine Lebensängste auf die Kernenergie projiziert“. Prompt trat der Entwicklungsminister kurz nach dem Wechsel von Brandt zu Schmidt zurück, weil er sich „in der falschen Gesellschaft“ gefühlt habe, erinnert er sich in seinen eben erschienenen Memoiren „Links leben“.

Jenseits seines Horizontes nahm Schmidt nur „idealistischen realitätsfernen Romantizismus“ wahr. Doch eine Minderheit dieser Romantiker griff zur Waffe und bescherte der Republik einen blutigen „heißen Herbst“. Der Kanzler brauchte eine Weile, bis er in der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus zu gewohnter Härte fand. Darüber versäumte er es aber, die vielen jungen Menschen ernst zu nehmen, die friedlich aufstanden gegen etwas, das er für richtig erachtete – die zivile Nutzung der Kernkraft, die Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen in Europa.

Mit der jungen Generation ging es jedoch nicht nur um sachliche Differenzen. Da tat sich ein geistiger, ein kultureller Graben auf. Mit eisiger Schärfe hat Oskar Lafontaine ihn auf den Begriff gebracht. Der damals aufsteigende Star der SPD-Linken warf Schmidt vor, im heftigeren Konflikt mit dem Koalitionspartner FDP und mit der Friedensbewegung appelliere er in der eigen Partei nur an „Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit“. Alles „Sekundärtugenden“, mit denen „man auch ein KZ betreiben“ könne.

Der Nazi-Vergleich war so geschmacklos wie ungerecht. Dennoch traf Lafontaine nicht völlig daneben. Helmut Schmidt hat sich nach eigenem Bekenntnis in der Kriegsgefangenschaft „unter dem Einfluss älterer Offiziere“ sozialdemokratischem Gedankengut genähert. Ihn zog die „Parallelität zwischen dem sozialistischen Prinzip der Solidarität“ und dem „im Krieg erlebten Prinzip der Kameradschaft“ an. Dazu gehörte die Disziplin.

Wie einst Brandt mit Scheel bandelte am Ende seiner Regierungszeit Hans-Dietrich Genscher hinter seinem Rücken mit Helmut Kohl an. Bei den folgenden Neuwahlen erzielte die SPD mit 38,2 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis seit 1961. Bald darauf schied Schmidt aus dem Bundestag aus und wechselte als Mitherausgeber zur Wochenzeitung Die Zeit. Eine ungewöhnliche Entscheidung für einen Mann, der Journalisten gern als „Wegelagerer und Indiskretins“ bezeichnet hatte.

Aber für ihn ein „Glücksfall“, wie der langjährige Zeit-Korrespondent und Schmidt-Biograf Gunter Hofmann nicht ohne Spott bemerkte: „Ohne Last der Verantwortung auf den Schultern konnte er schreibend zu den Fragen Stellung nehmen, mit den sich seine Nachfolger Kohl Schröder und Merkel herumplagen mussten, selbst wenn sie sie nicht beantworten konnten.“ Schmidt hatte stets eine Antwort parat - mal mäandernd lang in seinen Büchern, mal kurz und pointiert wie in der kleinen Interviewreihe „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“. Sie machte ihn im hohen Alter zum Idol einer Generation, die von jenen Lehrern genervt war, die in ihrer Jugend Willy Brandt verehrt hatten. Eine späte Genugtuung.

Im Alter von 96 Jahren starb Helmut Schmidt am Dienstagnachmittag zuhause in seinem Eigenheim im Stadtteil Langenhorn, das er seit 1962 bewohnt hatte – fast 50 Jahre lang mit seiner Ehefrau Loki, dann mit seiner neuen Partnerin Ruth Loah, die er ebenfalls seit Jahrzehnten kannte. Nach einem Krankenhausaufenthalt ging es ihm so schlecht, dass er sogar auf die Mentholzigaretten verzichtete, die zu seinem Markenzeichen geworden waren. Mit der Gelassenheit seiner späten Jahre hatte er sich auf das Lebensende vorbereitet. Helmut Schmidts letztes Buch hieß: „Was ich noch sagen wollte“.

 

 

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